Auto Bild - 29.März 1993 - Seite 86-89

Der Schöne ist ein Biest

DeLorean DMC 12

Sein Name war Größenahn. Er war der Schönste im Land, wollte das beste Auto bauen. Größer werden als General Motors. Dafür ging er jedes Risiko ein und notfalls auch über Leichen.


Es öffnen sich die Flügeltüren, und wir erleben eine unglaubliche Geschichte. Grotesker und amerikanischer als „Denver" und „Dallas". Eine griechische Tragödie im Seifenopernformat. Nur, daß sie wahr ist.

Stahl wird fahl: Gebaut für die Ewigkeit: Der DMC ist aus Stahl. Ein schweres Los: viele Kilo, wenig pflegeleicht. Antriebs-Schwäche: Dreiliter-V6. Ursprünglich wollte DeLorean einen Wankelmotor von Citroen

Die Geschichte handelt von einem teuren Auto und von einem Spinner. Es spielen mit: das FBI, die englische Regierung, die IRA, General Motors, und ein Toter, der vielleicht lebt. Und: Es ist die mit Sicherheit ungewöhnlichste Auto-Geschichte aller Zeiten. Der Hauptdarsteller heißt John Z. DeLorean, Ein brillanter Autoingenieur und Manager, der mit 47 Jahren schon fast alles erreicht hat, was das Leben bietet. Erfolgreicher Chef von Pontiac und Chevrolet, Vizepräsident bei General Motors. Jahresgehalt über eine Million Mark. Und als dritte Ehefrau ein bildschönes Starmodell, natürlich beträchtlich jünger als er.

Flügeltür-Styling: made by Guigiaro. Der zeichnete auch richtige Erfolgsrenner - zum Beispiel den Golf Schön reicht nicht. Schönes Cockpit, nicht ganz so schöne Qualität. Zu wenig um erfolgreich zu sein. Außerdem zu lahm (10,5 Sekunden für den Spurt auf Tempo 100), zu teuer (25.000 Dollar)

DeLorean ist ein Frauentyp. 1,93 Meter groß, schlank, elegant, das kantige Gesicht durch Schönheitsoperationen noch markanter gemacht. Rein äußerlich ist alles perfekt im Leben des Superstars, der auf keiner Prominenten-Party fehlt. Und doch geht im alles aus dem Leim. DeLorean will die Nummer eins von General Motors werden, dem größten Industriekonzern der Welt. Doch er fährt einen italienischen Sportwagen und nicht Corvette, ist Individualist und nicht Teamplayer. Und er ist arrogant bis zum Größenwahn. DeLorean wird nicht Boß. Er verläßt seine Firma, schreibt einen Bestseller über die Inkompetenz seiner Ex-Kollegen. Und hebt ab - in die Welt der Luftschlösser. DeLorean will ein eigenes Auto herstellen. Es soll mit seinem Worten „ethisch" sein, was immer das ist. Also irgendwie so: edel und erschwinglich, umweltbewußt und superschnell, sparsam und antrittsstark, einzigartig, doch zeitlos. Ein bißchen viel auf einmal. Zudem sollte es aus nicht rostendem Stahl bestehen und Flügeltüren haben. Auch vermessen, denn Stahl ist schwer an Gewicht, und Flügeltüren können bei Unfällen ihre Insassen einkerkern. Mit einem solchen Auto will John DeLorean dann „größer als General Motors" werden. Darunter tut er´s nicht. 1975 kommt der Mann zur Sache. Geld spielt dabei keine Rolle. 345 amerikanische Autohändler investieren jeweils 20.000 Dollar in sein Projekt. 25 Millionen gibt die Bank von Amerika. Ein paar Millionen kommen von privaten Sponsoren wie Talkmaster Johnny Carson und den Sängern Sammy Davies und Johnny Cash.135 Millionen leiht die englische Regierung, um den dicken Fisch an die Angel zu holen: eine brandneue Autofabrik. Mitten hinein ins nordirische Kampfgebiet von Belfast, wo sich Katholiken und Protestanten ihren ewigen Krieg liefern und Jobs rar sind wie Perlen in der Muschel. 2600 Arbeitsplätze wischen alle Bedenken beiseite. 1978 rollt der erste DMC 12 Halle. Er ist ein futuristische Keil, mit Flügeltüren aus Stahl. Und er hat einen genialen Mitkonstrukteur: Colin Chapman, Besitzer von Lotus, großer Zampano an den Formel-1 Rennstrecken. Und ein Mann, der Steuern mehr haßt als die Pest. Für 1978 ist eine Produktion von 20.000 Autos geplant, ab 12.000 gibt es Profit. Mit 25.000 Dollar ist der DMC 12 teurer als ein Porsche 944 oder 924 Turbo und wesentlich teurer als eine Corvette und Mazda RX-7, mit denen er konkurrieren soll. Doch DeLorean strotzt vor Zuversicht.

Eitel bis zum Untergang. Flog auf den Flügeln seiner Träume davon: John Zachary DeLorean. Eitel, verblendet, egozentrisch, - und so einer wollte das beste Auto der Welt bauen. Sein DMC 12 wurde zum Flop. Und DeLorean ein Fall für die Polizei. John DeLorean mit Anwalt auf dem Weg ins Gericht.

Dann fällt das Beil der Fachpresse. „Enttäuschend" (Road and Track). „Auf dem Stahl sieht man jeden Fingerabdruck" (Popular Science). „Viel zu langsam für einen Sportwagen" (Car and Driver). Verheerend. John DeLorean beharrt zwar, sein Auto sei sexy, doch für alle anderen ist es eine Mißgeburt. Das Schicksal ist unwiderruflich: 4243 Exemplare werden verkauft, 10.000 nur gebaut. Das Selbstmordunternehmen ist geglückt, die Pleite grandios. Und England Steuerzahler zahlen mit 300 Millionen Mark die Zeche. DeLorean, der eitle, verblendete Egozentriker, verteilt die Schuld: „Die Terroristen der IRA bedrohten in Belfast mein Leben." Oder: „Meine Manager waren unfähig." Er selbst, der größer als General Motors sein wollte, ist frei von jeder Schuld. Auch, als er vom FBI in flagranti erwischt wird, wie er einen Koffer voll Kokain entgegennimmt. Rauschgiftschmuggel im Wert von 600 Millionen Dollar zur Rettung seiner Firma, lautet die Anklage. Dennoch wird der Gernegroß freigesprochen, denn seine „Geschäftspartner" waren V-Männer der Polizei und handelten nach US-Recht illegal. Doch weitere Schlingen warteten. Nach jahrelangem Rechtsstreit verglich sich DeLorean 1987 durch Zahlung von 9,36 Millionen Dollar mit dem Konkursgericht in Detroit. Damit war er für die USA kein Betrüger mehr. Aber da war noch England. Der Belfaster Richter Murray verurteilte im Juni letzten Jahres Fred Bushell, den ehemaligen Vorsitzenden der Lotus-Werke, wegen Betrugs zu einer Gefängnisstrafe von drei Jahren. Bushell hatte gestanden, im Auftrag von DeLorean und seinem Mitkonstrukteur Colin Chapman Steuergelder in Höhe von 27 Millionen Mark veruntreut und auf eine in Genf beheimatete Briefkastenfirma umgeleitet zu haben. Zwölf Millionen für DeLorean, zehn Millionen für Chapman. Chapman starb 1982 völlig überraschend, gerade als sein Lotus-Werk pleite war, Seitdem wollen die Gerüchte nicht verstummen, daß er unter falschen Namen in Brasilien lebt. Doch DeLorean, laut Bushell Drahtzieher der Betrugsaffäre, lebt. Wann geht er ins Gefängnis? Überhaupt nicht. Denn nach amerikanischen Recht darg er nach so vielen Jahren nicht mehr nach England ausgeliefert werden. Mit zwölf Millionen auf der hohen Kante kann der mittlerweile 67jährige in Ruhe alt werden. Der DMC 12 wird derzeit für 20.000 Mark in den USA verramscht. Aber Hand aufs Herz: Würden Sie von so einem Mann ein Auto kaufen?

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